Eine österreichisch-ostpreußische Ökumene-Geschichte

Eine österreichisch-ostpreußische Ökumene-Geschichte

Anlässlich 70 Jahre WGT in Österreich

Die langjährige WGT-Schwester Sabine Legerer aus Osttirol berichtet:

Ostpreußen? Noch nie gehört? Na klar, ist ja auch ein untergegangenes Kulturland, das heute auf Litauen, Russland und Polen aufgeteilt ist. Als meine Mutter 1920 dort geboren wurde, galt Ostpreußen als protestantisches Kernland! Man war nicht „streng katholisch“ sondern „sehr streng protestantisch“!

Damals hatte die Familie dort im Gebiet der Masurischen Seen ein Einfamilienhaus gebaut. Hühner und Gänse wurden gehalten und das väterliche Haushaltsbudget besserte man zusätzlich auf durch die Arbeit der Mutter und der Kinder auf dem nahegelegenen Gutshof. Ostpreußen galt ja als die Kornkammer Deutschlands, und zu Erntezeiten gab es großen Bedarf an Arbeitskräften! Die letzte Rate für das Haus war schließlich bezahlt, die vier Töchter und der Sohn standen auf eigenen Beinen, da brach 1939 der zweite Weltkrieg aus…

Gegen Kriegsende gelang es der Roten Armee 1944 aus dem Osten bis an die ostpreußische Grenze vorzudringen und erste Grenzstädte einzunehmen. Nachdem Insterburg, einer der wichtigsten Bahnknotenpunkte in Ostpreußen, durch die Russen bombardiert worden war, sah man bald nur mehr in der Flucht vor den Rotarmisten ein Überleben. Letztendlich flüchteten im Kriegswinter 1944/45 nahezu 14 Millionen Deutsche nicht nur aus Ostpreußen sondern auch aus Pommern, Brandenburg und Schlesien in den Westen. Schlecht ausgerüstet und ohne ausreichende Nahrung zogen Flüchtlinge und Vertriebene quer durch das zerstörte Land. Dem „großen Treck“, wie der endlose Flüchtlingsstrom in die Geschichte eingehen sollte, schlossen sich auch die Eltern meiner Mutter an. Unterwegs verloren sie einander. Trotzdem gelang es, dass sich die Familie in der Nähe von Leipzig wiederfand.

Inzwischen hatte meine Mutter meinen Vater kennengelernt. 1946 wurde geheiratet, und das junge Paar zog in die Heimat meines Vaters, wo ich zur Welt kam. Hier in der kleinen Bezirksstadt in Tirol war man Deutschen gegenüber ziemlich ablehnend gesinnt, wie meine Mutter erfahren musste. Bedingt durch die Wirren der Zeit aber hatte sich eine ganz beträchtliche Anzahl von evangelischen Gläubigen vor Ort zusammengefunden, und so errichtete man eine erste evangelische Notkirche in einer Holzbaracke. Meiner Mutter aber gelang es nicht recht, sich an die
evangelische Gemeinde anzuschließen, wogegen ich sehr wohl die Nähe suchte. Schlussendlich wurde ich katholisch.

Als man mich nach meiner Pensionierung im Jahr 2008 fragte, ob ich den Ökumenischen Weltgebetstag in unserer Stadt für die katholische Seite übernehmen möchte, sagte ich mit großer Freude zu! Das evangelische Weltgebetstagsteam brachte bereits viel Erfahrung ein und auch das katholische Team hatte wertvolle Vorarbeit geleistet, denn unsere Weltgebetstagsfeier im März konnte schon damals ökumenisch gefeiert werden und zwar im Wechsel mit der evangelischen Pfarre und den drei katholischen Pfarren.

In all den Jahren meiner Mitarbeit gab es beständig Verbesserungen zu beobachten, wie z. B. dass der „Österreichische Weltgebetstag“ ein eigener Verein mit Statuten wurde oder wie das digitale Zeitalter Einzug hielt und sowohl Herausforderung darstellte als auch Bereicherung. Indem das hiesige diözesane Bildungshaus, die kfb/Katholische Frauenbewegung, die EFA/Evangelische Frauenarbeit und der Weltgebetstag Österreich gemeinsam als Veranstalter für den Informationsnachmittag zum Weltgebetstag auftreten, entwickelte sich eine ökumenische Zusammenarbeit, die noch vor 50 Jahren undenkbar gewesen wäre.

Was aber seit jeher wertgeschätzt wurde ist die Möglichkeit, mit dem „ökumenischen Weltgebetstag der Frauen“ einen Blick in fremde Kulturen zu erhalten, mit ihren Augen ihr Umfeld zu sehen und an diesem Punkt ansetzen zu können gemäß dem Grundsatz des Weltgebetstages: „Informiert beten – betend handeln.

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