Ein wogendes Weizenfeld; eine Koppel mit fünf verschieden farbigen Pferden, eines davon gezäumt und gesattelt, der Reiter mit Peitsche; zwei winderprobte Bäume. Für viele Menschen in Chile alltägliche Wirklichkeit. Dahinein komponiert zwei biblische Szenen: Einmal das Motiv 'Jesus heilt'. Berührt er die Augen eines Blinden oder segnet er ihn? Jemand mit Krückstock nähert sich. Sieben weitere Augenzeugen. Ihre in warmen Naturfarben gehaltene Kleidung unterscheidet Frauen und Männer nicht. Zwei Kinder sind dabei.
Und dann - vorn in der Mitte - eine Szene, die Kernmotive der biblischen Brotgeschichten zusammenfasst: die Frage Jesu, "Wie viele Brote habt ihr?" liegt noch in der Luft. Brot und Fische sind schon gebracht. Jesus segnet und sendet: "Gebt ihr ihnen zu essen!"
Viele Menschen drängen herbei. Die meisten sehen wir von hinten und vom Bildrand abgeschnitten. So sind auch wir mit dabei.
Ein wenig abseits am Rand des Weizenfeldes ein übervoller Brotkorb. Es ist das übrig gebliebene Brot. Es reicht für immer und für alle und fordert zum Aufteilen heraus.
Die 77jährige Chilenin Norma Ulloa gehörte einer Gruppe von Stickerinnen an, die auf traditionelle Weise Szenen aus ihrem ländlichen Alltag mit Nadel und Faden auf Sackleinen "malen". Oft werden auch biblische Szenen - ganz entsprechend der Befreiungstheologie - durch die eigene Lebenswirklichkeit gedeutet.
Leider können wir Norma Ulloa keine Rückmeldung mehr geben: sie starb kurz nach dem Erdbeben in Chile an Herzversagen.
Monika Heitz